Alte Messe FFM

Mit dem Donnerstag der Karwoche beginnt der innerste und höchste Punkt des Kirchenjahres: Das Heilige Triduum (Triduum sacrum), d.h. die „heiligen drei Tage“. Es umfasst Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Die Liturgie dieser Tage ist nochmals besonderer und feierlicher als während der übrigen Karwoche. In diesem ersten von drei Beiträgen wollen wir uns etwas genauer die Liturgie des Gründonnerstags ansehen. Dazu gehört neben der Feier der hl. Messe auch das Breviergebet bzw. das officium divinum. Es hängt im gesamten liturgischen Jahr immer mit der Messe zusammen und steht nicht losgelöst davon. Aus diesem Grunde beginnen wir mit der Betrachtung des göttlichen Offiziums des Tages, das im Breviarium Romanum enthalten ist. Wie auch schon im Beitrag zu Palmsonntag wollen wir die traditionelle Liturgie (bis 1955) mit der „reformierten“ bzw. „pianischen“ (1955-1969) vergleichen.

Gründonnerstag bis 1955

Das Offzium (Brevier, Stundengebet)

Das kirchliche Stundengebet, welches wir im folgenden Offizium nennen, des hl. Triduums ist von besonderer Einfachheit geprägt. Dies ist – wie oftmals, aber nicht zwingend – ein Hinweis auf sein hohes Alter. Es reicht wohl bis in das 4. Jahrhundert zurück und ist in allen Sammlungen bzw. Antiphonaren (Bücher, welche die Antiphonen des Offiziums sammeln) in der selben Form enthalten wie im Breviarium Romanum des hl. Papstes Pius V. (1568), das bis zu seiner vollständigen Neuordnung unter Papst Paul VI. die Grundlage aller römischen Breviere darstellte.

Ohne an dieser Stelle zu ausführlich zu werden, wollen wir zum Offizium doch folgende besondere Punkte festhalten. Die erwähnte Einfachheit zeigt sich darin, dass die Doxologien, das Invitatorium (Matutin) und die Hymnen, Capitula und sämtliche anderen über die Jahrhunderte hinzugewachsenen Teile fehlen. In der Matutin enden sämtliche Lesungen der ersten Nokturn (die Wehklagen des Propheten Jeremia) statt mit Gloria Patri wie sonst mit Jerusalem, Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum (Jerusalem, bekehre dich zum Herrn deinem Gott). Hier erkennt man: Die Kirche hat an diesen Tagen die alte, einfache Struktur des Offiziums als eindrückliches Zeichen der Trauer bewahrt. Erst an Ostern werden „alle Dinge neu“ (vgl. Ofb 21,5) und kehren in ihrer Fülle und Pracht zurück. Die anderen Horen sind ebenfalls auf eine sehr simple Form reduziert.

Tenebræ

Eine der eindrucksvollsten liturgischen Funktionen des Jahres sind die Tenebræ des Triduums. Das lateinische Wort bedeutet „Dunkelheit“ und benennt so ein zentrales Motiv nicht nur dieser Zeremonie, sondern auch der Passion des Herrn: Finsternis. Die Tenebræ sind nichts anderes als die Matutin und Laudes (welche im Chor immer zusammen gegebetet werden) des Offiziums, aber mit besonderem Zeremoniell. Im Altarraum steht ein großer dreieckiger Leuchter, auf ihm 15 dünne, ungebleichte (d.h. orangene) Kerzen. Nach jedem Psalm löscht man eine Kerze, sodass sich die Kirche immer mehr verdunkelt. Zum Ende der Zeremonie hin trägt der Zeremoniar die letzte brennende Kerze hinter den Hochaltar – die gesamte Kirche fällt in Finsternis. Dann macht man mit den Füßen einen großen Lärm – ein ungeheures Zeichen, das uns an das Erdbeben bei der Kreuzigung und den Tod Christi erinnert.

Der strepitus-Lärm der Tenebræ.

Üblicherweise antizipierte man, d.h. zog sie vor, diese Horen im Triduum am Vorabend. So wurden die Tenebræ des Gründonnerstags Mittwochabend, die des Karfreitags am Gründonnerstagabend und die des Karsamstags am Karfreitagabend gesungen. Eine genaue Begründung dieser Praxis würde an dieser Stelle zu weit führen. Leser, die des Englischen mächtig sind, können sich unter diesem Link (extern) genauer darüber informieren.

Die Messe

Anders als das Offizium, das violett ist, ist die Messe vom Gründonnerstag in weiß, sie wird behandelt wie ein Herrenfest, was sich auch im Gloria und Credo ausdrückt. Sie ist, wie alle violetten Messen an Werktagen liturgisch nach der Non angesiedelt. Auch hier antizipierte man die Messe, nicht zuletzt weil sie viele Elemente eines Festes aufweist. Ebenso spielt die strenge Fastenordnung eine Rolle. Bereits im 7. Jahrhundert feierte man sie nach dem ältesten vorhandenen Zeugnis römischer Liturgie (dem Ordo Romanus primus) am Vormittag, sie blieb aber im liturgischen Tagesablauf an die vorherige Rezitation der Non gebunden.

Auch hier sei noch einmal auf den obigen Link zur näheren Erläuterung hingewiesen. Es gibt einige Elemente, die die Besonderheit dieses Tages ausdrücken: Das Kruzifix ist in weiß verhüllt, das Agnus Dei endet wie üblich mit Dona nobis pacem. Nach dem Gloria schweigen die Glocken und werden durch Holzklappern ersetzt, was uns auch akustisch daran erinnert, dass dieser Tag im Licht des Leidens des Herrn zu verstehen ist. Es gibt keine Pax (Friedenskuss) – auch hier wieder auf der praktischen Ebene aufgrund des hohen Alters des Ritus, aber im weiteren Verlauf ausgedeutet hin auf den verräterischen Kuss des Judas.

In der traditionellen (d.h. bis 1955 gültigen) Liturgie dieses Tages konsekriert der Priester zwei große Hostien: Eine für die Kommunion dieser Messe, die andere für den Karfreitag (siehe den folgenden Beitrag). Diese legt er sodann in einen zweiten Kelch, darüber eine Palla und eine Patene. Anschließend wird der Kelch mit einem Tuch aus weißer Seide und mit einem weißen Seidenband verhüllt. Was der Herr selbst in Seinem Leiden als „Kelch“ bezeichnet (Mt 26, 39ff.; Lk 22, 42), ist hier zeichenhaft ausgedrückt: Der wahre Leib des Herrn ist in einem Kelch eingeschlossen und verhüllt. Er bleibt so bis Ende der Messe auf dem Corporale stehen. In der Liturgie des Karfreitags, der „Liturgie der vorgeheiligten Gaben“ (Missa præsanctificatorum), wird er eine zentrale Rolle spielen. Dieser Ritus ist somit ein starkes Zeichen für die innige Beziehung zwischen den Geschehnissen an Gründonnerstag und der Kreuzigung am Karfreitag.

Prozession zum Repositionsaltar

Da der Heiland selbst nun bis zum Ende der Messe auf dem Altar gegenwärtig ist, werden Ihm im Altarraum besondere Reverenzen (Ehrerbietungen) erwiesen. So müssen Priester und Leviten jedesmal eine Kniebeuge machen, wenn Sie in die Mitte des Altares kommen oder sie verlassen. Sie und alle Ministranten bewegen sich stets so, dass sie dem Allerheilgsten nicht den Rücken zukehren. Beim Schlussevangelium schließlich machen alle die Kniebeuge zum Kelch auf dem Corporale.

Anschließend wird das Allerheiligste mit allem Pomp und jeder Schönheit, die die katholische Kirche zu mobilisieren weiß, zu einem mit Blumen, kostbaren Stoffen und Kerzen eigens geschmückten Repositionsaltar in derselben Kirche gebracht. Unter einem Baldachin, mit Pluviale und Schultervelum bekleidet, geht der Priester, ihm voraus zwei Rauchfässer und ein zweiter Subdiakon mit dem Kreuz. Währenddessen singt die Schola das Pange lingua. Dort angekommen folgt das Tantum ergo, und Inzens. Danach stellt der Diakon den Kelch mit der Hostie entweder in eine eigens dafür vorgesehene, reich verzierte „Urne“ oder einen Tabernakel.

Vesper und Entblößung der Altäre

Nach der Messe wird im Chor die Vesper ohne Gesang gehalten. Darauf folgt die Entblößung der Altäre, wobei Priester und Leviten violett tragen, unter Gesang von Psalm 21 mit seiner Antiphon Diverserunt sibi. Vom Altar werden die Kanontafeln und die Altartücher entfernt, nicht aber die Kerzenleuchter oder das Kreuz, das dort weiter darauf wartet am Karfreitag enthüllt zu werden.

Gründonnerstag nach 1955

Das Offizium

In der pianischen „Reform“ der Karwoche änderte man die Tenebræ nicht. Sie strich jedoch den berühmten Psalm Miserere vom Ende aller Horen, wo er bis dahin im Triduum seinen Platz hatte. Die sehr alte Praxis der Antizipation der Tenebræ am Vorabend wurde ebenso verboten. Sie sollten nun am Morgen gefeiert werden. Dies hat zur Folge, dass die starke Symbolik der Finsternis – schon im Namen selbst ausgedrückt – verloren geht, da die Zeremonie nun mindestens mit dem Sonnenaufgang zusammenfällt, wenn sie nicht sogar danach stattfindet. Vormals endete sie in den Sonnenuntergang hinein.

An den Rubriken des Breviers bzgl. der Zeremonien der Tenebræ änderte sich vorläufig nichts weiter. Nach der 1961er Brevierreform ist jedoch vom Verstecken der Kerze und dem Lärm am Ende keine Rede mehr. Die Verpflichtung zum Beten der Vesper an Gründonnerstag und Karfreitag wird aufgehoben für jene, die der Abendmahlsmesse und der Karfreitagsliturgie beiwohnen. Im Chor (d.h. gesungen) entfallen sie vollständig, denn die jeweiligen Funktionen „ersetzen“ sie.

Die Messe

Die erste Änderung ist die Uhrzeit: Bereits der Name im Messbuch von 1962 macht klar, wann sie zu feiern ist: De Missa Solemni Vespertina in Cena Domini – also am Abend. Man strich das Credo, das Agnus Dei wird endet statt wie üblich mit Dona nobis pacem mit einem dritten Miserere nobis. Was uns heute als Besonderheit an Gründonnerstag geläufig ist, gibt es also erst sehr etwas mehr als 60 Jahren. Sie wurde übrigens im Messbauch Pauls VI. (1969) wieder abgeschafft und stellt also ein eher kurzes Intermezzo dar.

Das Gebet Domine Jesu Christe zur Vorbereitung der Kommunion des Priesters ist gestrichen – wie in einem Requiem, jetzt aber an einem „Herrenfest“, vermutlich weil es den „Frieden“ erwähnt, der aber nicht als Friedenskuss stattfindet. Dabei sprach Jesus Christus selbst beim letzten Abendmahl, dessen diese Messe ja gedenkt, die Worte jenes Gebetes: Pacem relinquo vobis, pacem meam do vobis (Joh 14, 27). Ebenfalls gestrichen wird auch der Ritus um die zweite große Priesterhostie, samt zweitem Kelch. Stattdessen sollen zwei Ziborien konsekriert werden, eines für die Kommunion am heutigen Tag und eines für die umgestaltete Karfreitagsliturgie (mehr dazu im folgenden Beitrag). In der Folge kommuniziert der Priester an Karfreitag also eine kleine Hostie wie die Gläubigen.

Eine der auffälligsten und gravierendsten Änderungen ist die Einfügung der Fußwaschung, die bis dato immer gänzlich außerhalb der Liturgie (oft sogar außerhalb einer Kirche) stattfand, in den Ritus der Messe und zwar zwischen Homilie und Opferung. Dazu gibt es noch wesentlich mehr zu sagen, was jedoch hier den Rahmen sprengt. Interessierten Lesern sei der Link am Ende dieses Artikels ans Herz gelegt.

Am Ende der Messe wird nicht wie bisher vorgesehen Ite, Missa est gesagt, sondern Benedicamus Domino – eine Formel, die nun der liturgischen Tradition widersprechend verwendet wird, denn sie gehört zu violetten Messen an Bußtagen. Der Segen am Ende der Messe entfällt ebenso wie das Kommunion-Confiteor und das Schlussevangelium. Hier sehen wir erneut die nachfolgenden Änderungen an der gesamten Liturgie (nicht „nur“ der Karwoche) vorgezeichnet.

Prozession zum Repositionsaltar

An der Prozession und Entbößung der Altäre hat die Reform nichts verändert, außer dass nun auch die Altarleuchter und das Kruzifix entfernt werden sollen. Dass dies zu merkwürdigen Folgen führt, hat der große Msgr. Gromier, Zeremoniar Papst Pius’ XII., in einem Vortrag in Paris im Juli 1960 ausgeführt.

Dieser Artikel basiert auf dem außerordentlichen Werk von Gregory DiPippo, das auf New Liturgical Movement veröffentlicht wurde und hier mit seinem ausdrücklichen Einverständnis ins Deutsche übertragen und ergänzt wurde.

Die letzte Woche der Fastenzeit, welche auch die zweite Woche der Passionszeit ist, nennt die Kirche bei verschiedenen Namen: Hebdomada major, manchmal auch Hebdomada sancta. Zu deutsch „Große Woche“ bzw. „Heilige Woche“. Uns ist sie wohl als „Karwoche“ geläufig. Die Liturgien, die in dieser Woche gefeiert werden, sind mit Abstand die besondersten, außergewöhnlichsten und feierlichsten des römischen Ritus. Im folgenden wollen wir einen kleinen Überblick in die Liturgie des Palmsonntags geben: Sowohl in seiner traditionellen Form wie auch in jener, in der er im Messbuch von 1962 enthalten ist. „Ist das nicht dasselbe?“, mag man da fragen. Warum das eben nicht der Fall ist, soll in diesem Post ersichtlich werden. Dabei gibt es vie zu viele Punkte, die wir hier nicht alle behandeln können. Es geht also um einen ersten Einblick.

Im November 1955 erließ die hl. Ritenkongregation unter Papst Pius XII. ein Dekret mit dem Titel Maxima redemptionis, das zum 25. März 1956 in Kraft trat. Es schrieb die „restaurierte“, d.h. „wiederhergestellte“, Liturgie der Karwoche (Hebdomada sancta instaurata) für die gesamte lateinische Kirche verbindlich vor. Seit Beginn der 1950er Jahre war diese Form der Karwoche ad experimentum, d.h. auf Probe, zur Wahl gestellt worden – neben der traditionellen Liturgie, die viele Jahrhunderte unangetastet überdauert hatte. Sie sollte massive Eingriffe nicht nur in die Riten der Karwoche, sondern auch in die Liturgie insgesamt mit sich bringen. Wenn also im folgenden von der „traditionellen“ Liturgie gesprochen wird, ist die „vorpianische“ gemeint, nicht die ab 1956 gültige und auch im Missale von 1962 enthaltene. Von dieser Form gehen wir nun aus um die späteren Veränderungen, auch unter Berücksichtigung der jüngsten Reformen, aufzuzeigen.

Die traditionelle Palmsonntagsliturgie

Fangen wir beim Namen an: Palmsonntag. So heißt der erste Tag der Heiligen Woche auch bis 1956: Dominica in Palmis. Dieser Name hat sich universell im Volksmund eingebürgert und ist jedem geläufig, der die Karwoche einmal gefeiert hat. Er bezeichnete klar den Tag in seinem eigenen Charakter. Da verwundert es, dass er in der vermeintlich „restaurierten“ Karwoche zu allererst „Zweiter Passionssonntag“ heißt und dann nachgeschoben wird „oder auch Palmsonntag“ (Dominica II Passionis seu in Palmis). Die gesamte Liturgie wurde in violett gefeiert, sowohl Prozession als auch die Messe, denn sie sind nicht nur Teil der Passionszeit, sondern sind auch miteinander verbunden: Die Prozession stellt eine Art „Prisma“ dar, durch das die anschließende hl. Messe erleuchtet wird.

Eine gefaltete Kasel.
Quelle: FSSP Roma. Facebook: Parrocchia Ss. Trinità dei Pellegrini.

Ferner haben Prozessionen im eigentlichen Sinn im römischen Ritus Bußcharakter und sind deshalb in violett. Diakon und Subdiakon tragen nach uralter Tradition wie an allen Tagen der Quadragesima die sog. gefalteten Kaseln (planeta pliccata) und nicht Dalmatik und Tunicella, die festlichen und freudigen Charakter haben. Diese einzelnen Elemente kommen zusammen und zeigen deutlich: Alles steht im Zeichen der Passion und des Kreuzes des Herrn.

Segnung der Palmen

Vor der Hl. Messe werden die Palmen auf dem Altar gesegnet, um anschließend mit ihnen in Prozession zu ziehen. Sie erhalten einen umfangreichen, besonders feierlichen Segen, der eindrucksvoll die Heiligkeit dieses Tages, der Prozession und der Palmen verdeutlicht. Sie werden zu Sakramentalien. In der traditionellen, vorpianischen Form haben wir am Palmsonntag eine liturgische Rarität bewahrt: Eine sog. Missa sicca, eine „trockene Messe“ (ohne Wandlung). Das ist erkennbar daran, dass die Palmsegnung mit einem Introitus, eine Oration, gefolgt von einer Lesung (Ex 15, 27; 16, 1-7), einem Graduale und einem Evangelium (Mt 21, 1-9) – wie in der hl. Messe – beginnt, anschließend eine Präfation mit Sanctus und schließlich den fünf eigentlichen Segensgebeten – analog zum Canon – vollzogen wird. Diese Epistel ist von immenser Wichtigkeit für das Verständnis aller Riten der Karwoche. Sie stellt uns das Brot vor Augen, das im Alten Bund vom Himmel herabkam. Uns hingegen ist das wahre Brot vom Himmel geschenkt, Jesus Christus selbst in der allerheiligsten Eucharistie (vgl. Joh 6, 51).

Prozession und Messe

Nach der Besprengung mit Weihwasser und der Inzens folgt ein sechstes Gebet.  Die Verwendung einer eucharistischen Präfation bei besonderen Segnungen und Weihen ist im klassischen römischen Ritus nicht unüblich. Denken wir an Kirchweih, das Weihesakrament, die Chrisamweihe und Segnung der Osterkerze. Die Missa sicca zur Palmweihe zeichnet die Segnung der Palmen somit besonders aus und verdeutlicht die ungemeine Heiligkeit der Karwoche. Die Austeilung der Palmen erfolgte, indem die Gläubigen einzeln die Palme und dann die Hand des Priesters küssten. Darauf folgte ein Gebet zu Beginn der Prozession, die sich anschließend in Bewegung setzt – das Prozessionskreuz verhüllt.

Zur Musik der Prozession wollen wir an dieser Stelle nichts sagen, doch auch hier lohnt sich der Blick. Wenn die Prozession an der Kirchentür ankommt, wird diese von innen verschlossen. Es beginnt ein symbolträchtiger Ritus, bei dem zwei Kantoren von innen im Wechsel mit der Schola draußen das Gloria, laus et honor singen. Anschließend stößt der Subdiakon mit dem Fuß des Kreuzes die Kirchentür auf und die Prozession zieht ein. Papst Benedikt XVI. sagte dazu:

„In der früheren Liturgie des Psalmsonntags pochte beim Ankommen am Kirchengebäude der Priester [bzw. Subdiakon] mit dem Vortragekreuz mächtig an die verschlossene Kirchentür, die sich auf das Pochen des Kreuzes hin auftat. Das war ein schönes Bild für das Geheimnis Jesu Christi selbst, der mit dem Stab seines Kreuzes, mit der Kraft seiner sich verschenkenden Liebe von der Welt her an das Tor Gottes klopfte; von einer Welt her, die den Zugang zu Gott nicht finden konnte. Mit dem Kreuz hat Jesus die Tür Gottes, die Tür zwischen Gott und Mensch aufgestoßen. Sie steht offen.“

Papst Benedikt XVI.: Predigt am Palmsonntag, 1. April 2007.

Nach Ende der Prozession folgte die Feier der hl. Messe wie üblich mit Introitus und mit Stufengebet. Die Passion ist Mt 26, 1-75 und 27, 1-66, wobei die letzten Verse als Evangelium und in einem eigenen, rührenden Ton gesungen werden. Zum Evangelium und zur Wandlung halten die Gläubigen und der Klerus im Chor ihre Palmen in den Händen – ein starkes Zeichen der Beziehung zwischen Prozession und Messe. Es ist derselbe Herr, der in königlichem Purpur in Jerusalem einzog, im Evangelium verkündet wird und auf dem Altar sein heilbringendes Opfer erneuert. Die Messe endet mit Benedicamus Domino statt Ite, Missa est, wie es seit ältester Zeit in Messen ohne Gloria üblich war, der Johannesprolog wird wie üblich als Schlussevangelium gelesen.

Die Änderungen von 1955

Bereits äußerlich gab es Veränderungen. Prozession und Messe werden nicht mehr in derselben Farbe gefeiert, sondern erstere in rot und letztere in violett. Die gefalteten Kaseln wurden abgeschafft und durch Dalmatik und Tunicella ersetzt – ein Bruch mit einer ausdrucksstarken und uralten Tradition. Dies hatte zur Folge, dass alle Minitri vor der Messe ihre Gewänder wechseln müssen. Häufiges Wechseln der Gewänder ist ein auffälliges Kennzeichen dieser „Reform“. Es gibt noch andere „kleinere“ zeremonielle Änderungen, die eingeführt wurden und welche im Gegensatz zur sonstigen Praxis stehen. So wird der Priester nach dem Evangelium der Segnung nicht inzensiert, wie es sonst im Levitenamt vorgesehen ist.

Von den sechs Gebeten der eigentlichen Palmsegnung hat man in der Reform von 1955 nur ein einziges beibehalten (Benedic quæsumus Domine). Die übrigen wurden ersatzlos gestrichen, ebenso wie das zu Beginn der Prozession. Die uralte Struktur der Missa sicca wurde zerstört, nur Einzugsvers und Evangelium blieben übrig. Dieses wird nun nach der Austeilung der Palmen gesungen und nicht mehr vorher. Die Palmsegnung soll nun auf einem Tisch in der Mitte des Altarraumes zum Volk gewandt erfolgen, was logistische und zeremonielle Probleme verursacht. Weiterhin ist es nun erlaubt – aber weder vorgeschrieben noch präferiert – dass die Gläubigen die Palmen bereits in Händen halten.

Die Prozession wird jetzt stark auf das Königtum Christi hin gedeutet, auch durch die Gesänge und Überschriften im Missale. Gleichzeitig verzichtete man aber auf die traditionelle königliche Farbe des Purpur (Violett). Der Ritus am Portal der Kirche ist getrichen. Das Prozessionskreuz ist nicht mehr verhüllt. Alle Bilder in der Kirche sind es hingegen weiterhin, und auch das Prozessionskreuz wird nach der Liturgie wieder verhüllt. So sind zusammen mit dem Wegfall der violetten Farbe und der gefalteten Kaseln die drei klassischen Zeichen von Trauer und Buße verschwunden, die den Charakter des Palmsonntags als Ankunft am Ort der schmerzhaften Passion Christi auszeichneten. Weiterhin hat man ein Abschlussgebet zur Prozession eingefügt.

Die Messtexte sind bis auf folgende Punkte identisch. Die Passion ist stark gekürzt (Mt 26, 1-35 und 27, 61-66 fehlen) und es gibt kein eigenes Evangelium mehr. Mit dieser Kürzung, die übrigens auch die Passionen der folgenden Kartage betrifft, sind sämtliche Berichte von der Einsetzung des hl. Altarsakramentes aus der Liturgie getilgt worden. Sie werden nicht mehr gelesen – fehlt somit ein entscheidender Brennpunkt der gesamten Karwoche. Das Stufengebet wird gestrichen, obwohl gleichzeitig der Introitus gesungen wird. Dies führt zu der Kuriosität, dass die Leviten bzw. der Priester nun am Fuße des Altares warten müssen ohne etwas zu tun – eine Zeit, in der man auch sinnvollerweise das Stufengebet verrichten könnte. Die Palmen sollen nicht mehr zu Evangelium und Wandlung gehalten werden und die Messe endet nun mit Ite, Missa est. Das Schlussevangelium ist gestrichen.

Ausblick und Fazit

Im Missale Pauls VI. heißt der Tag nun Dominica in Palmis de Passione Domini („Palmsonntag von der Passion des Herrn). Er wird vollständig in roter Farbe gefeiert. Der Priester trägt meist durchgängig eine Kasel und keinen Chormantel mehr, obwohl dieser genommen werden kann. Die Palmen werden gar nicht mehr ausgeteilt, sondern die Gläubigen halten sie bereits in Händen. Es gibt für den Einzug drei verschiedene Formen (einer mit Segnung der Palmen, einer in „feierlicher“ Form und einer in „einfacher“ Form). Die Passion darf nun von Laien gesungen werden (sogar vollständig), was sogar in der Reform von 1955 strikt untersagt war. Sie wird fast nur noch gelesen und nicht mehr gesungen.

Dieser kurze Überblick zeigt, wie viel von der traditionellen Palmsonntagsliturgie in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen ist, sowohl inhaltlich wie auch zeremoniell und strukturell. Es wird auch deutlich, dass die „reformierte“ Version von 1955 einen Übergangsritus darstellte und den Ritus von 1969 vorbereitete. Zu jedem der Punkte wäre noch einiges mehr zu sagen, ebenso wie die hier genannten Punkte nicht die Fülle aller Änderungen wiedergeben. Einige der Punkte, etwa die gefalteten Kaseln, sind auch nur im weiteren liturgischen Kontext verständlich, denn seit 1960 gibt es sie gar nicht mehr.

Dieser Artikel basiert auf dem außerordentlichen Werk von Gregory DiPippo, das auf New Liturgical Movement veröffentlicht wurde und hier mit seinem ausdrücklichen Einverständnis ins Deutsche übertragen und ergänzt wurde.