Gebetsrichtung

Die Zelebration nach Osten

„Mit dem Rücken zum Volk“?

Vielfach hört man, dass der Priester in der alten Messe den Gläubigen „den Rücken zukehrt“. Dass diese Charakterisierung völlig unzutreffend ist, soll in den folgenden Absätzen gezeigt werden. Doch vorab einige grundsätzliche Bemerkungen.

Dass man heutzutage fast nur noch sogenannte „Volksaltäre“ baut, an denen der Zelebrant permanent der Gemeinde zugewandt steht, wird gern mit dem II. Vatikanischen Konzil begründet, doch an keiner einzigen Stelle der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium wird dies überhaupt jemals gefordert oder auch nur angesprochen. Es stützt sich vielmehr auf fragwürdige Thesen von Liturgiewissenschaftlern aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, bei denen man sogar nicht davor zurückschreckte, die archäologischen Fakten zu verdrehen und der eigenen Überzeugung anzupassen, die frühen Christen hätten an einem Tisch zum Volke hin zelebriert. Diese Frage ist jedoch in der jüngsten Forschung ausreichend behandelt worden, mit dem Ergebnis, dass solche Thesen der genannten Vertreter unhaltbar sind. Für Interessierte ist das Buch „Altar und Kirche“ von Prof. Msgr. Dr. Stefan Heid sehr zu empfehlen. Im Folgenden wollen wir uns hingegen mit dem vielen Vorzügen und der tiefen theologischen Bedeutung der gemeinsamen Gebetsrichtung nach Osten beschäftigen und so, statt ebenfalls Polemik zu treiben, positive und sachliche Gründe dafür liefern.

Unzählige Kirchen sind „geostet“, d.h. mit dem Altar bzw. der Apsis im Osten errichtet. Man spricht in diesem Fall auch von „apsisgeosteten“ Kirchen. So auch die Deutschordenskirche, in der wir uns in Frankfurt befinden, sie schaut exakt nach Osten. Steht der Priester am Hochaltar, schauen er und die Gemeinde gemeinsam in die selbe Richtung. Hier haben wir die richtige Formulierung des Grundgedankens der Gebetsrichtung: Es ist ein gemeinsames Nach-Osten-Schauen von Priester und Gemeinde, keine Abwertung der Gläubigen durch Zukehren des Rückens. Doch warum eigentlich Osten?

„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Joh 8,12

Der Osten spielt schon in der Natur eine wichtige Rolle: Hier geht die Sonne auf, das neue Tageslicht strahlt uns und verheißt Wärme und Leben. Da das Christentum keine Naturreligion und keine Sonnenanbetung ist, kann hierin jedoch kein hinreichender Grund liegen. Vielmehr ist der eigentliche Grund, dass Jesus Christus die wahre Sonne ist, er ist das Licht der Welt und schenkt ewiges Leben. Die Heilige Schrift gibt uns viele Verweise auf Licht und den Osten: Menschwerdung (Ankunft), Himmelfahrt und Wiederkunft sind alle mit dem Osten verbunden. Der Stern von Bethlehem etwa kommt von Osten her und führt die Heiligen Drei Könige zum Jesuskind (vgl. Mt 2,2), Zacharias verheißt Christus als das „aufstrahlende Licht aus der Höhe“ (Lk 1,78), was in der Vulgata als oriens ex alto wiedergegeben ist. Im Alten Testament wird Christi Himmelfahrt gen Osten vorausgesagt (vgl. Ps 67,33f.) und sowohl die Engel wie auch Christus selbst verheißen seine Wiederkunft von Ostern her (vgl. Apg 1,11; Mt 24,27). Nach der Genesis lag das Paradies, aus dem Adam und Eva einst vertrieben wurden, im Osten (Gen 2,8), sodass wir die gemeinsame Ausrichtung nach Osten mit dem hl. Thomas von Aquin auch als Ausdruck der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies verstehen können.

Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.“

Apg 1,11

Selbst wenn eine Kirche einmal nicht streng geostet ist, was meist architektonische Gründe hat, wurde die gemeinsame Ausrichtung doch stets (bis vor wenige Jahrzehnte) beibehalten. Sankt Peter in Rom ist ein markantes Beispiel dafür, denn sein Hauptaltar (der Papstaltar unter dem Baldachin) ist freistehend unter der Kuppel und nicht in der Apsis. Die Apsis befindet sich im Westen, das Portal im Osten. Selbst hier zelebrierte der Papst in Richtung Osten. Als Grund für die Fassade im Osten kann ausgemacht werden, dass St. Paul vor den Mauern, wo der hl. Apostel Paulus begraben liegt, geostet ist, und sich die beiden Apostel Roms so gegenseitig anschauen. Auch zu diesen Beispielen ist das Buch von Msgr. Stefan Heid sehr zu empfehlen.

Ein weiterer Grund für die Blickrichtung des Priesters ist, dass er sich als Fürsprecher und Vertreter der Gemeinde in der Person Christi an Gott wendet und für sie eintritt. Dabei schaut er Gott gleichsam an, tritt ins Zwiegespräch mit Ihm. Wenn er mit der Gemeinde spricht, dreht er sich zu ihr, jedoch nicht, ohne zuvor den Altar geküsst zu haben. Bei der Predigt steht der Priester, da er ja zur Gemeinde spricht, entsprechend auch zur Gemeinde gewandt. Verstärkt wird dieser Gedanke noch dadurch, dass sich meist das Allerheiligste im Tabernakel auf dem Altar befindet, dem man nicht den Rücken zukehrt. Es geht dabei folglich um Ehrerbietung gegen Gott durch äußere Formen. Hier zeigt sich auch eine gewisse Kontinuität mit dem Tempeldienst des Alten Bundes, dessen Erfüllung durch Christus gekommen ist.

Schließlich aber tritt der Priester selbst in den Hintergrund, indem man sein Gesicht nicht sieht. Dies ist nicht nur für ihn angenehmer, da er so nicht in die Versuchung kommt, „Unterhaltung“ liefern zu müssen, weil er der Gemeinde permanent gegenübersteht, sondern auch für die Gläubigen, für welche die Liturgie selbst in den Vordergrund treten kann und nicht von der Persönlichkeit des Priesters abhängt. Denn um ihn geht es nicht: Es geht um das Heilswerk Gottes, das in der Heiligen Messe gefeiert und vergegenwärtigt wird.